EU-Streit um Pflanzenschutzmittel
Leopoldina warnt vor Pestizid-Lockerung: Schutz für Mensch und Umwelt in Gefahr
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina stellt sich gegen Überlegungen aus Brüssel, EU-Regeln für Pflanzenschutzmittel zu lockern. Eine Absenkung der Anforderungen würde nach Einschätzung der Akademie den Schutz von Mensch und Umwelt schwächen. Zugleich fordert sie die Bundesregierung auf, sich in den laufenden europäischen Beratungen für den Erhalt der bisherigen Zulassungspraxis einzusetzen.
Im Kern geht es um die Frage, wie strikt und wie dynamisch die EU die Risiken von Wirkstoffen bewertet, die in Pflanzenschutzmitteln eingesetzt werden. Aus Sicht der Leopoldina ist entscheidend, dass Genehmigungen nicht zu einem Dauerzustand werden, sondern in festen Abständen überprüft werden müssen. Nur dann lasse sich gewährleisten, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa zu Gesundheitsrisiken, Umweltfolgen oder bislang unterschätzten Langzeitwirkungen – in laufende Zulassungen einfließen und gegebenenfalls Konsequenzen nach sich ziehen.
Worum es im Streit um die EU-Regeln geht
Die Debatte kreist um das Prinzip der wiederkehrenden Neubewertung: Sollen Wirkstoffe grundsätzlich nur befristet zugelassen werden und dann erneut auf den Prüfstand kommen – oder könnte das System so verändert werden, dass Genehmigungen unter bestimmten Voraussetzungen zeitlich nicht mehr klar begrenzt sind?
Nach Darstellung der Leopoldina würden Pläne der EU-Kommission in diese Richtung den Schutzstandard senken. Denn je länger ein Wirkstoff ohne erneute, formalisierte Prüfung im Markt bleibt, desto größer wird aus Sicht der Akademie das Risiko, dass Regulierung hinter dem Wissensstand zurückbleibt. Gerade bei Stoffen, die großflächig eingesetzt werden, sei der Anspruch an Aktualität der Risikobewertung besonders hoch: Forschung entwickelt sich weiter, Messmethoden werden präziser, und die Bewertung von Wechselwirkungen oder kumulativen Effekten kann sich verändern.
Warum die Leopoldina widerspricht
Die Leopoldina berät Politik und Gesellschaft wissenschaftsbasiert. Mit ihrer Intervention positioniert sie sich klar gegen eine dauerhafte oder faktisch unbegrenzte Genehmigungspraxis. Die Akademie hält regelmäßige Überprüfungen für notwendig, weil sie ein zentrales Sicherheitsventil im System sind: Sie zwingen Behörden dazu, die Evidenzlage immer wieder neu zu gewichten und bei Bedarf nachzusteuern – sei es durch strengere Auflagen, durch Einschränkungen bestimmter Anwendungen oder im Extremfall durch den Entzug einer Zulassung.
Die Leopoldina verbindet ihre Kritik mit einem politischen Appell: Die Bundesregierung solle sich in Brüssel dafür einsetzen, dass die bisherige Logik befristeter Zulassungen mit wiederkehrender wissenschaftlicher Neubewertung erhalten bleibt.
Was jetzt politisch entscheidend wird
Wie der Konflikt ausgeht, hängt maßgeblich davon ab, welche Linie die Bundesregierung in den EU-Verhandlungen vertritt und wie sich Mehrheiten in den europäischen Verfahren entwickeln. Inhaltlich berührt die Auseinandersetzung eine Grundfrage europäischer Regulierung: Wie wird das Bedürfnis nach planbaren Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft mit dem Anspruch verbunden, Regeln an den jeweils aktuellen Stand der Wissenschaft anzupassen?
Die Leopoldina macht dabei deutlich, wo sie die rote Linie sieht: Wenn das System Zulassungen so gestaltet, dass Überprüfungen seltener werden oder entfallen, steigt aus ihrer Sicht das Risiko, dass Schutzinteressen von Gesundheit und Umwelt gegenüber Nutzungsinteressen ins Hintertreffen geraten. Die kommenden politischen Entscheidungen werden daher nicht nur darüber bestimmen, wie Zulassungsverfahren künftig organisiert sind, sondern auch darüber, wie vorsorgend die EU im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln aufgestellt sein will.

